Porzellan ist nicht gleich Porzellan: Vitroporzellan und Bone China im Vergleich
Share
Einmal standen wir im Flagship-Store von Royal Copenhagen in Kopenhagen. Auf den Kartons stand groß „China“ – und mein damaliger Partner wunderte sich, dass die Produkte offenbar aus China kommen. Ich musste schmunzeln: „China“ heißt im Englischen nicht nur das Land, sondern auch Porzellan. Der Begriff ist dort sogar gebräuchlicher als „porcelain“.
Rund um Porzellan gibt es viele solcher Missverständnisse. Als Diplom-Ingenieur für Glastechnik und Keramik erkläre ich dir hier die Unterschiede zwischen Vitroporzellan und Bone China – und warum die Mumin-Tassen von Arabia und die Becher von Bo Bendixen so verschieden sind, obwohl beide „Porzellan“ heißen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Vitroporzellan ist ein sehr hoch gebranntes Steingut – und kann schlagfester und robuster sein als Hartporzellan. Typisch für die Mumin-Tassen von Moomin by Arabia.
- Bone China, auf Deutsch Knochenporzellan, ist ein Weichporzellan mit besonders glatter Oberfläche und leuchtenden Farben. Bo Bendixen setzt bei seinen Bechern darauf.
- Spülmaschine und Mikrowelle: bei beiden kein Problem – solange kein Gold, Silber oder Platin im Dekor ist.
- Backofen: Vitroporzellan ja, Bone China nein – es ist kein Kochgeschirr.
- Im Alltag: Bone China will etwas vorsichtiger behandelt werden als Vitro- und Hartporzellan.
Erst einmal sortieren: Steingut, Steinzeug, Porzellan
Steingut ist ein riesiger Sammelbegriff für verschiedene keramische Werkstoffe. Nicht dazu gehören Steinzeug und Porzellan – auch wenn die Begriffe vor allem im Englischen oft durcheinandergehen. Als Maßstab dient im Folgenden das Hartporzellan, das die meisten aus dem Alltag kennen.
Der Hauptrohstoff für Porzellan ist übrigens Kaolin. Benannt ist er nach einem Berg in China, wo die Chinesen eine perfekte Porzellanmasse vorfanden. Damit konnten sie dünner arbeiten, als es beim europäischen Porzellan üblich ist.
Vitroporzellan: das robuste Steingut
Vitroporzellan gehört zur Gruppe des Steinguts, wird aber für ein Steingut außergewöhnlich hoch gebrannt: bei 1200 bis 1280 °C. Hartporzellan wird zwar noch heißer gebrannt, bei 1350 bis 1450 °C. Der entscheidende Unterschied liegt aber in der Glasphase: Sie liegt bei Vitroporzellan bei 65 bis 70 %, beim Hartporzellan ist sie mit 60 % fest definiert.
Die Folge: Vitroporzellan ist ein sehr robustes Material, das schlagfester sein kann als Hartporzellan – bei ungefähr gleichem Gewicht. Es ist ofenfest und hat eine hohe Temperaturwechselbeständigkeit: Temperatursprünge von etwa 80 Grad, etwa heißer Tee in eine kalte Tasse, steckt es problemlos weg. Spülmaschine, Mikrowelle und Backofen sind kein Thema.
Ein kleiner Tipp für die Recherche: Vitroporzellan wird ins Englische oft falsch als „vitro porcelain“ übersetzt. Der englische Fachbegriff lautet Vitreous China.
Wie kommen die Mumins auf die Tasse?
Die Motive werden als keramische Abziehbilder aufgebracht. Diese Bilder werden im Siebdruck hergestellt. Beim Brand verbrennt die Trägerfolie, und das Motiv wird fest in die Oberfläche eingebrannt. Deshalb sind die Dekore spülmaschinenfest. Und weil Moomin by Arabia keine Dekore mit Gold, Silber oder Platin verwendet, dürfen die Tassen auch in die Mikrowelle.
Bone China: das feine Knochenporzellan
„Fine Bone China“ ist im Deutschen heute gebräuchlich, eigentlich aber nicht korrekt. Der deutsche Begriff lautet Knochenporzellan, und es gehört zur Gruppe des Weichporzellans. Traditionell wird der Masse Knochenmehl vom Rind zugesetzt – bis zu 50 %. Heute gibt es auch eine vegane Variante.
Bone China wird niedriger gebrannt als Hartporzellan, bei 1200 bis 1250 °C. Wichtig ist vor allem der Glasurbrand bei 1050 bis 1080 °C: Durch die niedrigere Temperatur lassen sich leuchtendere Farben herstellen, die bei den höheren Temperaturen von Hart- und Vitroporzellan nicht mehr funktionieren.
Außerdem ist das Material elastischer als Hartporzellan und kann daher dünner gearbeitet werden – das hat zum Beispiel den Erfolg von Dibbern ausgemacht. Die Oberfläche ist glatter, Farben kommen besser zur Geltung. Der Scherben ist leicht cremefarben, nicht weiß wie beim Hartporzellan. Beim Vitroporzellan ist dieser Cremeton übrigens noch ausgeprägter.
Ein verbreiteter Irrtum: Bone China sei durchscheinend. Dafür wird es in der Regel zu dick gearbeitet – selbst das dünne Bone China von Dibbern scheint nicht durch.
Warum Bo Bendixen auf Bone China setzt

Bo Bendixen lässt seine Becher in Japan herstellen – und hat sich allein wegen der wertigeren Ausstrahlung und Haptik für Bone China entschieden. Im Alltag unterscheiden sich die Becher vor allem durch genau das: das Gefühl in der Hand und die Leuchtkraft der Farben. Bo Bendixen war als Mensch ein absoluter Qualitätsfreak – und das spürt man.
Bone China ist allerdings kein Kochgeschirr und will etwas vorsichtiger behandelt werden als Hart- und Vitroporzellan. Spülmaschine und Mikrowelle sind bei den Bo-Bendixen-Bechern dagegen kein Problem, denn sie haben keine Dekore mit Gold oder Silber.
Vitroporzellan, Bone China und Hartporzellan im Vergleich
| Vitroporzellan | Bone China | Hartporzellan | |
|---|---|---|---|
| Einordnung | Steingut, sehr hoch gebrannt | Weichporzellan | Porzellan |
| Brenntemperatur | 1200–1280 °C | 1200–1250 °C, Glasurbrand 1050–1080 °C | 1350–1450 °C |
| Glasphase | 65–70 % | – | 60 % |
| Scherben | cremefarben | leicht cremefarben | weiß |
| Besonderheit | kann schlagfester sein als Hartporzellan | leuchtende Farben, glatte Oberfläche, dünn möglich | der Klassiker |
| Im Alltag | sehr robust | vorsichtiger behandeln | robust |
| Backofen | ja | nein | – |
Spülmaschine und Mikrowelle sind bei allen drei Materialien kein Problem – mit einer Ausnahme, die immer gilt: Dekore mit Gold, Silber oder Platin gehören nie in die Mikrowelle und nicht in die Spülmaschine – Metalle können nicht so hoch eingebrannt werden wie keramische Farben.
Aus der Ingenieurs-Ecke
Flachteile wie Teller lassen sich aus Vitroporzellan isostatisch als trockenes Pulver pressen. Das erhöht die Automatisierung in der Produktion enorm. Vorreiter war in den 1980er-Jahren Villeroy & Boch, das sich damit einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschaffte. Arabia stellte später ebenfalls auf Vitroporzellan um – und der höhere Brand bedeutete das Ende für den Klassiker Ruska mit seiner besonderen Glasur.
Bei Nordlichttraum
Die robusten Mumin-Tassen aus Vitroporzellan findest du bei Moomin by Arabia, die feinen Becher aus Bone China bei Bo Bendixen. Beide zusammen und noch mehr gibt es in der Kategorie Tassen. Mehr über die Menschen dahinter liest du in meinen Beiträgen über die Mumins und Bo Bendixen. Und wer es noch robuster mag, findet alles über Geschirr aus Glas und Stahl in meinem Emaille-Ratgeber.
Häufig gestellte Fragen
Ist Vitroporzellan echtes Porzellan? Nein. Vitroporzellan gehört zur Gruppe des Steinguts – es wird aber so hoch gebrannt, dass es schlagfester sein kann als Hartporzellan.
Was heißt „China“ bei Bone China? „China“ ist im Englischen ein gängiges Wort für Porzellan. Bone China bedeutet also Knochenporzellan.
Sind die Mumin-Tassen von Arabia spülmaschinen- und mikrowellengeeignet? Ja. Die Dekore sind eingebrannt und enthalten keine Metalle.
Und die Becher von Bo Bendixen? Ebenfalls ja. In den Backofen gehören sie aber nicht – Bone China ist kein Kochgeschirr.
Ist Bone China durchscheinend? In der Regel nicht. Dafür ist es meist zu dick gearbeitet.
Gibt es Bone China ohne tierische Bestandteile? Ja, inzwischen gibt es auch eine vegane Variante.
Fazit
Porzellan ist nicht gleich Porzellan. Vitroporzellan ist das robuste Arbeitstier für den Alltag – ofenfest, spülmaschinenfest und sogar schlagfester als manches Hartporzellan. Bone China ist das feinere Material: glatter, leuchtender, angenehm in der Hand, aber mit etwas mehr Sorgfalt zu behandeln. Welche Tasse die richtige ist, hängt davon ab, was dir wichtiger ist – Robustheit oder Ausstrahlung.
Und ganz persönlich? Mein Lieblingsmaterial ist eigentlich Fayence. Die Blaukant-Becher von Royal Copenhagen sind zwar nicht ganz so lustig und deutlich empfindlicher – aber durch den niedrigen Brand ist ihre Glasur besonders glatt, und darin schmeckt der Kaffee einfach besonders gut. Am liebsten greife ich trotzdem zu den Bechern von Bo Bendixen und den Mumin-Tassen. Sie vermitteln Lebensfreude.
Über den Autor: Andreas Walther ist Diplom-Ingenieur für Glastechnik und Keramik und seit über 25 Jahren mit skandinavischen Herstellern verbunden. Bei Nordlichttraum wählt er jedes Produkt persönlich aus.